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Hochmut und Fallen
von Andreas Thonhauser
„Es lebe das Leben!“ – das singt sich leicht, wenn man von sich selbst sagen kann: „Wir kamen an einen Punkt, wo wir nicht mehr berühmter werden konnten, also beschlossen wir, besser zu werden.“ Bei fast jeder anderen Band könnte man so eine Aussage unter der Kategorie „überhebliche Möchtegernmusiker“ ablegen, aber bei Coldplay hat das nichts mit Überheblichkeit zu tun: Es ist die Wahrheit.
Seit sie kurz vor ihrem College-Abschluss – die vier Engländer sind fertig ausgebildete Lehrer – ihren ersten Plattenvertrag unterschrieben und mit dem Hit „Yellow“ gleich zu Beginn ihrer Karriere Kultstatus erlangten, sind Coldplay aus dem Pophimmel nicht mehr wegzudenken. Und auch mit ihrem aktuellen Album „Viva la Vida“ gedenken die Herren um Sänger Martin Smith Popgeschichte zu schreiben. Die Scheibe klingt nach Coldplay, hat aber bis auf die eindringliche Stimme des Frontmans mit den Vorgänger-Platten nichts gemein: Die vier Musiker haben sich im vergangenen Jahr tatsächlich hingesetzt und ihre Band neu erfunden.
Der Song „Viva la Vida“ – Es lebe das Leben ist der (fast) lebende Beweis dafür: Das ist ungewohnt frische Musik mit viel Leben drin. Wer´s nicht glaubt, hört in YOU!Tube selbst mal rein. Aber Vorsicht! Der Refrain frisst sich in die Hirnrinde und schon hört man sich selbst singen: „For some reason I can`t explain / I know Saint Peter won`t call my name / Never an honest word / but that was when I ruled the world.“ Das heißt übersetzt, dass er auch nicht weiß warum, aber dass der heilige Petrus seinen Namen sicherlich nicht rufen wird, niemals sprach er ein ehrliches Wort, zumindest damals nicht, als er die Welt regierte. Häh? Um wen geht es da überhaupt? Berechtigte Frage.
Die einfachste Antwort: Napoleon. Kennt man. Der kleine Mann aus Frankreich regierte nach der Französischen Revolution 1789 halb Europa und das war damals gleichbedeutend mit „der ganzen Welt“. Der französische König war während der Revolution enthauptet worden. Coldplay singen: „Now the old king is dead, long live the king!“ Dazu passt das Albumcover von Viva la Vida, es zeigt nämlich das berühmte Gemälde von Delacroix „Die Freihheit führt das Volk“ - ein Sinnbild für die Französische Revolution.
So viel geschichtliches Grundwissen muss sein. Aber natürlich verfassen Coldplay keinen Song über Napoleon, weil sie den Größenwahnsinnigen, der dann selbst in der Verbannung starb, so genial finden. Spannend ist viel mehr sein Scheitern und zwar auf allen Ebenen. Das ist die Erkenntnis, die diesem großen Song zu Grunde liegt: Hochmut zerstört das menschliche Leben. Gleich in der ersten Strophe vergleicht sich unser „Napoleon“ mit Mose: „Seas would rise, when I gave the word“ – Die Meere türmten sich auf, wenn ich sprach. Doch nun: „Ich putze die Straßen, die ich besaß.“
„Die Ersten werden die Letzten sein und die Letzten die Ersten“, heißt es im Neuen Testament. Deshalb sollte man auch nicht danach streben, sich „Schätze“ auf Erden anzuhäufen, wo „Motte und Wurm sie zerstören“ (Bibeltipp: Mt 6,19-23) können, sondern Schätze im Himmel sammeln, sprich Taten der Nächstenliebe. Trachtet man nämlich immer nur danach, in dieser Welt der Erste, der Beste, der Einzige, der Beliebteste, etc. zu sein, und vergisst man dabei die Menschen um sich, dann kann es gut sein, dass „Saint Peter“ – der Mann mit den Himmelsschlüsseln – unseren Namen am jüngsten Tag nicht rufen wird. Das ist dann der Augenblick, wo wir alle sehen werden, ob auch unsere „castles stand upon pillars of salt, pillars of sand“, also unsere „Traum“-Schlösser auf Säulen aus Salz und Sand errichtet sind.
Napoleon steht für einen großen Feldherrn, dem die Welt gehörte. Er entschied sich für Macht, Reichtum, Glanz und Glorie, und für die Lüge („never an honest word“). Geblieben ist nichts von seinem Ruhm, er starb verbittert, verbannt, allein. Wahrscheinlich wählten Coldplay ihn als Hauptdarsteller für ihr Album aus, weil wir alle wohl in unserem Leben an einen Punkt kommen, wo wir uns entscheiden müssen: Wollen wir selbst auch als kleiner Napoleon enden? Wollen wir immer noch größer, noch mächtiger werden? Oder entscheiden wir uns für die Bescheidenheit und dafür, einfach besser zu werden?
Viva la Vida
I used to rule the world
Seas would rise when I gave the word
Now in the morning I sleep alone
Sweep the streets I used to own
I used to roll the dice
Feel the fear in my enemy's eyes
Listen as the crowd would sing,
"Now the old king is dead, long live the king!"
One minute I held the key
Next the walls were closed on me
And I discovered that my castles stand
Upon pillars of salt, pillars of sand
I hear Jerusalem bells a ringing
Roman Cavalry choirs are singing
Be my mirror, my sword and shield
My missionaries in a foreign field
For some reason I can't explain
Once you'd go there was never,
never an honest word
That was when I ruled the world
It was the wicked and wild wind
Blew down the doors to let me in
Shattered windows and the sound of drums
People couldn't believe what I'd become
Revolutionaries wait
For my head on a silver plate
Just a puppet on a lonely string
Oh, who would ever wanna be king
I hear Jerusalem bells were ringing
Roman Cavalry choirs were singing
Be my mirror, my sword and shield
My missionaries in a foreign field
For some reason I can't explain
I know St. Peter won't call my name
Never honest were
But that was when I ruled the world
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