
Faith
Zeugnisse
Zeugnisse
Aline Lukas, 23, Studentin der Heilpädagogik aus Münster berichtet über ihren Kampf gegen die Krankheit.
von Gerd Metzl
Die Fazendas da Esperança – zu deutsch: Höfe der Hoffnung – geben Jugendlichen mit Drogenproblemen oder anderen Suchtkrankheiten, zu denen auch Essstörungen wie Magersucht und Bulimie gehören, eine Chance auf ein neues, selbstverantwortliches und suchtfreies Leben. Die Schwerpunkte des einjährigen Selbsthilfe-Programms liegen in Arbeit, Gebet und dem gemeinsamen Leben. Die Erfolgsquote liegt bei ungefähr 80 Prozent, im Gegensatz zu lediglich drei Prozent bei herkömmlichen Therapie-Zentren. In Deutschland gibt es seit etwas mehr als zehn Jahren zwei Häuser – eines für Frauen, eines für Männer – auf Gut Neuhof in der Nähe von Berlin, ein drittes in Süddeutschland ist im Entstehen.
Aline erzählt...
Ich bin auf die „Fazenda“ gekommen, weil ich eine Essstörung hatte und auch ziemlich depressiv war. Ich wusste damals noch nicht, was diese Fazenda genau ist, doch ich ließ mich einfach darauf ein.
Das Fundament: Gebet, Arbeit und gegenseitige Liebe
Der Tag dort ist geprägt von Arbeit, Gebet und dem gemeinsamen Leben, was sich ganz anders auswirkt, als wenn man auf Therapie geht, die eher passiv, vielleicht sogar angenehm ist, weil man mit sich geschehen lässt, etwa in einer Gruppe oder bei einer Massage oder anderen Behandlungen. Auf der Fazenda jedoch ist man selbst aktiv und zum Handeln gefordert, was aber für viele Suchtkranke – und eine Essstörung gehört auch zu den Suchtkrankheiten – natürlich sehr schwer ist.
Ich glaube, das funktioniert so dort gut, weil Jesus mitten unter uns ist - das ist das Fundament: die gegenseitige Liebe. Die Jugendlichen lernen, dass Hoffnung wirklich angreifbar wird. Andere Suchtkranke, die ebenfalls die gleiche Problematik wie man selbst gehabt hatten, sind ein lebendiges Vorbild, und das gibt Hoffnung. Und diese Hoffnung ist gegründet in Jesus.
Wie alles begann
Bei mir fing alles an, als ich elf Jahre alt war und nicht essen wollte, doch bald hat es dann in Richtung Bulimie (Ess-Brech-Sucht) umgeschlagen. Ein Hauptgrund dafür war, dass ich nie darüber reden wollte und nicht eingestehen wollte, dass ich Probleme hatte. Überhaupt war ich von der Unfähigkeit geprägt zu sagen, dass ich Probleme hatte, und so habe ich das irgendwie alles – vielleicht unbewusst – über das Essen verarbeitet. In der Familie hatte ich keinen Ansprechpartner, fühlte mich nicht akzeptiert.
Zwei Jahre waren besonders intensiv von meiner Essstörung geprägt, so ab dem Alter von 16 Jahren, und mit 17 wurde es so schlimm, dass ich auch noch Depressionen bekam. Eigentlich ist meine Essstörung erst durch diese Depression aufgefallen, weil ich total lustlos wurde, meine Erzieherausbildung abgebrochen habe und von zu Hause ausgezogen bin. Dadurch wurde das alles irgendwie ‚öffentlich’.
Eine „heimliche“ Krankheit
Die Bulimie ist eine versteckte Krankheit. Viele haben eine fast normale Figur, nicht wie jene mit Magersucht, die einem sofort ins Auge sticht. Diese Verborgenheit ist ein großes Problem. Man spricht nicht darüber, man schämt sich nur, dass man so etwas hat.
Ein typisches Bild ist das Folgende: Man sitzt vor dem Kühlschrank, stopft alles in sich rein, rennt dann sofort auf die Toilette und erbricht... Das ist einfach eklig und wer will das schon haben? Wer gesteht sich schon gerne ein, dass er Bulimie hat? In der Schule haben wir gelernt, dass diese Ess-Brech-Sucht „eine Ochsenkrankheit“ sei, und wenn man so etwas schon mal gehört hat, dann schämt man sich doppelt dafür. Auch die Aussagen, dass es Kinder in der Welt gibt, die verhungern, und du isst und erbrichst nachher wieder, tragen auch nicht gerade zu einem besseren Selbstbild bei. Aber man kann es nicht beeinflussen, es ist eben – wie der Name schon sagt – eine Sucht.
Ein noch größeres Problem stellte für mich die Unwahrhaftigkeit dar: Man will nach außen hin nichts zugeben. Man lebt in einer Scheinwelt: Am Esstisch isst man normal mit, und nachher, wenn keiner mehr da ist, beginnen dann die Ess-Attacken. Man kommt in einen Kreislauf, macht viel Sport, isst nicht so gerne – aus Angst, man würde sonst zuviel zunehmen. Bei mir war’s jedenfalls so, dass ich immer Angst hatte, dass ich durch diese Ess-Attacken dick werde, und habe deshalb übermäßig viel Sport gemacht.
Mein Ziel war es jedoch nicht, super schlank zu sein oder zu werden. Doch oft vermischen sich die Krankheitsbilder, und es gibt viele Menschen, die zuerst Magersucht hatten und dann in Bulimie umkippen.
Der Weg aus der Krise
Mir hat erst das Leben auf der Fazenda da Esperança geholfen, da wirklich rauszukommen und den Kreislauf der Ess-Brech-Sucht zu unterbrechen, und vor allem diese Hoffnungslosigkeit zu überwinden.
Besonders ein Erlebnis gleich zu Beginn meines Jahres hat mich geprägt und mir den Weg gezeigt: Am dritten Tag nach meinem Eintritt gab es eine Geburtstagsfeier und ich hatte eine Ess-Attacke. Aber ich schaffte es dann, mich dieses Mal nicht auf der Toilette zu übergeben. Das hat mir so viel Mut gegeben, dass ich das mit Hilfe der anderen gepackt habe. Die haben mich auch geliebt und akzeptiert, wie ich war, und mich nicht verurteilt, dass ich dieses Bedürfnis hatte (mich zu übergeben). Das hat mir so viel Hoffnung gegeben, dass ich es dann nie wieder gemacht habe.
Eine besondere Stütze war für mich, dass es viele andere Sachen und Menschen um mich herum gab, die mir dabei halfen, meine Würde und eine Freude wieder zu bekommen. Mit der Bulimie hatte ich von da an das ganze Jahr keine Probleme mehr. Vielleicht war sie eher nur die Spitze eines Eisbergs, denke ich jetzt. Bei anderen Bulimie-Kranken in der Fazenda ist das Problem nicht so schnell weg. Dass es bei mir damals anders verlaufen ist, sehe ich eher als Wunder an.
Wirkliches Leben
Viele glauben, eine Essstörung sei nur ein Problem mit dem Essen, aber eigentlich ist so etwas nur ein Ausdruck des inneren Leidens, also ein Weg, das zu verarbeiten. Im Grunde ist die absolute Hoffnungslosigkeit, die aus dem Nicht-Reden-Können kommt, die Wurzel der Sucht. Deshalb heißen diese Einrichtungen auch Fazendas da Esperança, „Höfe der Hoffnung“, weil sie jungen Menschen wie mir und anderen Suchtkranken die Hoffnung wiedergeben.
Begriffklärung:
Magersucht (Anorexie): Magersüchtige versuchen, durch Hungern und Kalorienzählen, dem Körper möglichst wenig Nahrung zuzuführen, sowie durch körperliche Aktivitäten den Energieverbrauch zu steigern, um noch zusätzlich Gewicht zu verlieren. Sie empfinden sich auch oft – trotz extremen Untergewichts – noch immer als zu dick, was aus einer gestörten Körperwahrnehmung folgt.
Ess-Brech-Sucht (Bulimie): Betroffene sind meist normalgewichtig, haben aber große Angst vor der Gewichtszunahme, dem Dickwerden (eine sogenannte „Gewichtsphobie“). Daher versuchen sie, die aufgenommene Nahrung wieder loszuwerden, sei es durch Erbrechen, exzessiven Sport, Abführmittelgebrauch, Fasten oder Einläufe. Dadurch erleidet der Körper einen Mangelzustand und es kommt zu sogenannten Ess-Attacken, wobei große Mengen Nahrung auf einmal verzehrt werden, um sogleich wieder erbrochen zu werden.
Fazenda da Esperança – „Hof der Hoffnung“
• Gegründet 1983 von einem Franziskaner-Bruder in Brasilien, der einem jugendlichen Drogenabhängigen half, seine Sucht zu überwinden.
• Seit 1997: Erste Fazenda außerhalb Brasiliens in Deutschland.
• Eine Chance für junge Leute von 14 bis ca. 35 Jahren, die aus Familie, Schule, Ausbildung und Beruf herausgefallen sind, für junge Leute mit Drogen-, Alkohol-, Medikamenten-, Spiel-, Ess- oder Beziehungssuchtproblemen, sowie für Straßenkinder.
• Junge Menschen helfen jungen Menschen: Geschwisterlichkeit, Freiheit und Selbstverantwortung, sowie hohe Akzeptanz der Helfer, die oft aus ähnlichen Verhältnissen stammen.
• Orientierung am „Wort“, d.h. Leben nach dem Evangelium.
• Es wird versucht, gemeinsam einen neuen Lebensstil einzuüben; das gemeinschaftliche Leben lässt die Bewohner zu einer neuen Familie zusammenwachsen.
• Gemeinsames Arbeiten: Die Bewohner versorgen ihre Tiere, verkaufen selbst hergestellte Produkte wie Marmelade, Saft und Kunsthandwerk, arbeiten in der Fleischerei, Bäckerei oder bauen Gebäude weiter aus.
• Dauer des Aufenthaltes/ der Rekuperation (= Befreiung von der Abhängigkeit): durchschnittlich 1 Jahr.
• Erfolgsquote: 80 Prozent.
• 2 Häuser in Deutschland auf Gut Neuhof (Nähe Berlin): ein Frauenzentrum, ein Männerzentrum; ein drittes Haus in Süddeutschland ist im Entstehen
• Infos bzw. Kontakt: www.fazenda.de
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