rudolf cms image
10.06.2008

Keiner liebt Carola!

Eine Geschichte über Verzweiflung und Hoffnung

Die Verzweiflung auf dieser Welt hat nicht das letzte Wort

von Michael Cech

Carola kommt auf einmal alles so sinnlos vor. Die Scheidung ihrer Eltern ist zwar schon ein Jahr her, aber vielleicht wird es nur erst jetzt so wirklich real. Vater ist weg. Hat sich nicht mal viel Mühe gegeben, irgendwie von vorne zu beginnen. Sehr lang hat Carola gehofft, er wird es sich doch noch überlegen und zurückkommen. Aber das ist endgültig vorbei. In der Schule geht es ihr auch nicht so besonders. Zwar gehört sie schon zur Klassenclique, trotzdem ist sie oft richtig einsam. Manchmal ist sie fast neidig auf Silvia mit ihren schwarz geschminkten Augenringen. Genauso geht es ihr. Schwarz. Aber Silvia macht mit Jasmin und Ferdi so ganz einen auf Emo, was sie auch wieder nicht unbedingt will. Die fühlen sich direkt wohl als selbsternannte Außenseiter, hängen auch immer nur zusammen ab.

Aber innerlich fühlt sich Carola ihnen in der letzten Zeit näher als den anderen. Am liebsten würde sie ihre Immer-happy-Fassade auch endlich ablegen, denn in ihr schaut es eben anders aus. Es kommt ihr vor, als wäre sie noch nie in einem tieferen Loch gewesen. Wie soll sie je hier wieder rauskommen? Sie versteht noch immer nicht, warum manche Menschen so verletzen können und warum man eigentlich überhaupt so verletzt werden kann. Ihr ganzes Leben ist ein einziger Misthaufen. Weiß eigentlich jemand, was Traurigkeit ist? Manche aus ihrer Klasse leben so in den Tag hinein. Alles dreht sich nur um neue Sonnenbrillen und um Zac Efron von Highschool Musical 2. Ihr hängt diese ganze Oberflächlichkeit schon zum Hals raus.

Silvia ist zwar mit ihrem Emo-Getue ziemlich ein Outsider, aber sie ist wenigstens nicht so oberflächlich. Sie gibt wenigstens zu, dass sie nicht so zufrieden ist. Aber manchmal hat Carola den Eindruck, als ob sie es zu sehr darauf anlegt, dass alle Mitleid mit ihr haben. Dann ist da noch die Karin. Sie ist ein Außenseiter, weil sie nicht überall mittut. Sie hat ihre Prinzipien. Im Allgemeinen ist sie eher still, doch manchmal hat Carola ganz nett mit ihr reden können. Nur in Religion geht sie ein wenig aus sich raus, weil sie anscheinend recht gläubig ist. Manchmal würde Carola auch gern einen Glauben haben wie Karin. Sie haben in Religion über die Fastenzeit und Ostern gesprochen. Ostern ist das Fest der Hoffnung. Hoffnung ist gerade das, was Carola in letzter Zeit so gerne hätte.

Irgendwie macht sie sich zurzeit so viele Gedanken. Da sind die Girls aus ihrer Klasse, die so tun, als ob in ihrem Leben alles super wäre. Carola hätte sich bis jetzt auch eher zu ihnen gezählt. Teilweise funktioniert es ja auch, sich in so eine Traumwelt hineinzudenken, nur um dem ganzen Mist des Alltags zu entfliehen. Wenn einen die Realität aber einmal einholt, ist es vorbei. Dann ist da Silvia; für sie und ihre Emo-Freunde gehört es dazu, eine depressive Stimmung zu haben. Alles ist nur schlecht. Sie meinen, das Schöne im Leben, sei sowieso nicht für sie bestimmt. Ob Karin auf der anderen Seite mit ihrem Glauben vielleicht Recht hat? Carola versucht sich an die letzte Religionsstunde zu erinnern. Ohne Hoffnung wird das Leben sinnlos, hat es da geheißen.

Da war die Erzählung von dem vietnamesischen Märtyrer Paul Le-Bao-Thin, der in einem Brief aus einem Konzentrationslager schrieb: „Dieser Kerker ist wirklich ein Bild der Hölle: Zu den grausamen Martern aller Art wie Fesseln, eiserne Ketten und Seile kommen hinzu Hass, Racheakte und andere Gemeinheiten. Inmitten dieser Foltern, die gewöhnlich die anderen beugen und zerbrechen, bin ich dank Gottes Gnade voll Freude und Heiterkeit, denn ich bin nicht allein, sondern Christus ist mit mir. Während der Sturm wütet, werfe ich meinen Anker bis vor den Thron Gottes: lebendige Hoffnung, die in meinem Herzen ist...“

Diese Zeilen hat der Religionslehrer aus dem neuesten Schreiben des Papstes, der „Enzyklika Spe Salvi“, über die Hoffnung genommen. Das Bild von dem Anker kann sich Carola gut vorstellen. Ja, irgendwo einen sicheren Halt zu haben, das wäre die Lösung auch für ihre Probleme. Sie nimmt sich noch einmal die Unterlagen der letzten Reli-Stunde zur Hand: „Die ‚Erlösung’, das Heil ist nach christlichem Glauben nicht einfach da. Erlösung ist uns in der Weise gegeben, dass uns Hoffnung geschenkt wurde, eine verlässliche Hoffnung, von der her wir unsere Gegenwart bewältigen können.“ Carola hat die ersten Zeilen des Papstschreibens in ihr Heft geschrieben. Weiter hat es geheißen: „Die auch mühsame Gegenwart kann gelebt werden, wenn sie auf ein Ziel zuführt und wenn dieses Ziel so groß ist, dass es die Anstrengung des Weges rechtfertigt.“ – „Was ist mein Ziel?“, hatte der Lehrer die Schüler zum Nachdenken gegeben.

Carola hat ihre Sehnsüchte zu Papier gebracht: „Geborgenheit. Glück. Liebe. Bedingungslose Liebe.“ Im Anschluss sprechen sie darüber, dass Gott den Menschen so sehr liebt, dass er ihn aus seiner Verzweiflung befreien will. Verzweiflung tritt dann auf, wenn man sich nicht geliebt fühlt. Dann wird alles sinnlos. Das kann Carola nur zu gut nachvollziehen. Wer glaubt, dass Gott den Menschen nicht liebt und ihn nicht glücklich machen will, dem bleibt nichts anderes übrig, als zu versuchen, das Glück und die Liebe selbst in die Hand zu nehmen. Und das funktioniert noch weniger. Was bleibt ist eine noch größere Verzweiflung. Nein, - so sprachen sie in der Reli-Stunde - Gott wurde Mensch und nahm selbst Leid und Tod auf sich, um uns zu zeigen, dass der Tod und das Leid nicht das letzte Wort haben. Nicht die Verzweiflung hat das letzte Wort, sondern die Liebe.

Wieder entdeckt Carola einen für sie schönen Satz im Text des Papstes über die Hoffnung: „Wenn es diese unbedingte Liebe gibt mit ihrer unbedingten Gewissheit, dann – erst dann – ist der Mensch ‚erlöst’, was immer ihm auch im einzelnen zustoßen mag. Das ist gemeint, wenn wir sagen: Jesus Christus hat uns ‚erlöst’.“ Die Gewissheit, dass Jesus jeden einzelnen liebt, ist keine Vertröstung auf später, wie der Papst betont. Wer Hoffnung hat, der kann die Gegenwart leben, denn ihn kann nichts erschüttern. Carola liest weiter: „Es ist wichtig zu wissen: Ich darf immer noch hoffen, auch wenn ich für mein Leben oder für meine Geschichtsstunde augenscheinlich nichts mehr zu erwarten habe. Nur die große Hoffnungsgewissheit, dass trotz allen Scheiterns mein eigenes Leben und die Geschichte im Ganzen in einer unzerstörbaren Macht der Liebe geborgen ist, kann dann noch Mut zum Wirken und zum Weitergehen schenken.“

Irgendwie spürt Carola in ihrem Herzen ein kleines, aber noch sehr winziges Leuchten. Diese „Hoffnungsgewissheit“ würde sie auch gerne haben. Liebt Jesus sie wirklich so sehr, dass sie trotz des ganzen Mistes in ihrem Leben froh sein kann? „Was macht man aus Mist, zum Beispiel aus Kuhmist?“, hat der Lehrer gefragt. „Man macht Dünger daraus, damit die Ernte auf den Feldern noch größer wird. Genau das macht Jesus auch mit unserem Mist im Leben. Das ist die große Hoffnung von Ostern, die unser Leben jeden Augenblick verändert.“ Carola schließt ihr Religionsheft. Gott, bist du wirklich da? Ich möchte meinen Anker zu dir werfen.

Um ein Kommentar abgeben zu können, musst du dich registrieren
Jetzt registrieren

 

Red_more