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08.11.2008

Mystische Begegnung Teil VI

"Lasset und beten"

Das Ende des ersten Teiles der Messe: das Tagesgebet

von Michael Cech, P. Thomas Figl

Mit dem Tagesgebet sind wir nun in unseren Gedanken zur heiligen Messe beim Ende des ersten Teils, der sogenannten Eröffnung, angelangt. Mit dem Einzug, dem Kreuzzeichen haben wir uns auf die Gegenwart Gottes eingestellt. Im Schuldbekenntnis, dem Kyrie und dem Gloria haben wir uns bewusst gemacht, dass Gott zu uns kommt, gerade dann, wenn wir schwach und klein sind. Wir haben uns so vorbereitet, vor Gott mit unserem Gebet hinzutreten. „Lasset uns beten!“, mit diesen uns bekannten Worten, beginnt der Priester das Gebet, das Tagesgebet. Es richtet eine spezielle Bitte, die jeden Tag anders lautet, an Gott, und gibt uns sozusagen einen Denkanstoß für die weitere heilige Messe, aber auch für den ganzen Tag.


Beten in Gemeinschaft

„Lasset uns beten“ – das ist auch wieder einmal eine Formel, die wir in der Messe oft hören, uns aber doch fremd vorkommt, denn niemand spricht heute so. Auf der anderen Seite hat eine solche Formel auch etwas Feierliches an sich. Und hier geht es um etwas Feierliches. Denn zum Unterschied zu unserem privaten, persönlichen Gebet, tritt die ganze Gemeinde gleichsam als Teil der Menschheit vor Gott hin. Und das ist nun auch schon ein wesentlicher Punkt, der bei der heiligen Messe ganz wichtig ist: Wir wissen, dass wir als Christen eine Gemeinschaft sind. Wir sind nicht bloß Individualisten, Einzelgänger oder gar Egoisten, die nur ihr eigenes Glück suchen. Wie sehen uns immer als eine große Gemeinschaft. Das bedeutet Kirche sein. Gemeinschaft. Darum sagt der Priester: Lasset uns beten.


Vor Gott hintreten

Der Priester, als Vorsteher der Gemeinde, spricht im Namen aller. Das ist die besondere Aufgabe des Priesters, stellvertretend, quasi als Sprecher der Menschen vor Gott hinzutreten. Darum breitet der Priester die Hände aus, einerseits um bildlich alle mit einzuschließen, andererseits um seine Hände zu Gott zu erheben. Zu Gott wenden wir unseren Blick. Somit drückt der Priester bereits mit seiner Haltung das aus, worum es beim Beten überhaupt geht. Bevor Beten noch das „Sprechen mit Gott“ ist, ist es zuerst das Erheben unseres Geistes, unseres Inneren, zu Gott. So stehen wir nun vor Gott, sprechen mit ihm und hören, was er zu uns sagen möchte. Lasset uns beten – wir wollen jetzt wirklich beten.


Leicht abgelenkt

Beten ist manchmal gar nicht so leicht. Vieles geht uns durch den Kopf und so oft sind wir abgelenkt. Es fällt schwer mit Kopf, Verstand und Herz ganz dabei zu sein. Was wir aber tun können, ist unser Bemühen. Wer den Wunsch hat, ehrlich zu beten, der betet auch schon. Und das „Lasset uns beten“ drückt das aus, wenn es meint: „Wir wollen beten“, jetzt wollen wir wirklich und ehrlich beten.


Zu wem beten wir?

Das Wollen ist die erste wichtige Voraussetzung. Ein weiterer wichtiger Punkt kann uns beim Beten helfen, nämlich, wenn wir uns bewusst machen, mit wem wir da überhaupt in Beziehung treten wollen. Ist es nicht oft so, dass wir z.B. das „Vater unser“ oder ein anderes Gebet sprechen, und so tun, als würden wir in die Luft sprechen? Wenn wir nicht glauben, dass wir wirklich mit jemanden sprechen, dann wäre aber unser Gebet wirklich sinnlos. Wer ist es also, mit dem wir im Gebet ins Gespräch kommen? Es ist Gott, unser Vater.


Wer ist dieser Gott?

Das Tagesgebet richtet sich an Gott Vater. Dabei möchte der erste Teil dieses Gebetes kurz aufzeigen, wer dieser Gott Vater ist. Zum Beispiel hören wir einmal: „Lasset uns beten. Allmächtiger Gott, durch die Botschaft des Engels haben wir die Menschwerdung Christi, deines Sohnes, erkannt.“ Allmächtiger Gott, heißt es. Gott ist all-mächtig. Wir kommen zu einem Gott, dem nichts unmöglich ist. Manchmal zweifeln wir daran, dass Gott allmächtig ist, weil wir den Eindruck haben, dass er uns nicht erhört. Wie wir aber spätestens seit dem Film „Bruce Allmächtig“ wissen, weiß Gott noch viel besser als wir, was für uns gut ist, was uns letztlich glücklich macht. So oft glauben wir aber, dass wir Gott sagen müssen, wie’s geht, denn vielleicht übersieht er ja etwas... Nein, wir wissen, dass Gott wirklich nichts unmöglich ist und dass er es gut mit uns meint. Wenn wir mit diesem Vertrauen beten, dann stellt sich nicht so sehr die Frage, ob uns Gott erhört, sondern bloß wie. Jedes Ereignis ist eine Antwort Gottes. Wir müssen nur lernen, das zu entdecken.


Sich selbst verändern lassen

In unserem Tagesgebets-Beispiel hören wir weiter, wie Gott gewirkt hat. Er hat seinen Sohn auf die Erde gesandt, damit wir ihn erleben und erkennen können. Gott lässt uns also nicht allein. Um richtig beten zu können, rufen wir uns ins Gedächtnis, wer Gott ist und was er für uns tut. Denn es sind nicht wir, die wir Gott durch unser Gebet „gnädig stimmen“ müssen, vielmehr beten wir, damit wir offen und bereit werden, das von Gott anzunehmen, was er für uns bereithält. Durch das Gebet werden wir verändert, nicht Gott.


Das Rechte bitten

In diesem Sinn folgt die Bitte im Tagesgebet, welche immer kurz und prägnant ist. Im Beispiel von oben heißt es in Folge: „Lass uns durch sein Leiden am Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung gelangen.“ Wir bitten darum, dass wir das Leben so leben können, dass wir immer einen Blick auf das haben, was Gott für uns getan hat. Und wir bitten, dass wir dieses Geschenk nicht nutzlos empfangen, sondern dass es in unserem Leben wirksam und sichtbar wird, damit wir letztlich wirklich an unser Ziel kommen, das ewige Glück, den Himmel.


Das Ziel vor Augen

In den Bitten der Tagesgebete, die jeweils auf der ganzen Welt, in jeder Messe, also von der ganzen Kirche gebetet werden, geht es darum, dass Gott uns hilft, uns ganz auf ihn einzulassen und unser Leben auf das ewige Ziel hin auszurichten. Die meisten Tagesgebete sind schon sehr alt, teilweise gehen sie bis auf die ersten Jahrhunderte zurück. Somit können wir davon ausgehen, dass hier sehr viel Weisheit drinnen steckt und es zahlt sich aus, mit ganzem Herzen aufzupassen und über die Worte zu meditieren.


Durch Christus, unsern Herrn

Den Abschluss des Tagesgebetes, genauso wie später beim Gabengebet oder beim Schlussgebet, bildet die Formel: „Darum bitten wir durch Jesus Christus, deinen Sohn, unsern Herrn und Gott, der in der Einheit des Heiligen Geist mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit. Amen.“ Das ist nicht nur eine Floskel, sondern damit dringen wir in das tiefste Geheimnis des Christentums ein, in die Dreifaltigkeit. Jedes Gebet richtet sich im Letzten an den Vater. Durch Jesus Christus haben wir Möglichkeit bekommen, Gott als Vater kennenzulernen, und der Heilige Geist führt uns in das Gebet. Im Katechismus (2565) heißt es: „Das Beten ist die lebendige Beziehung der Kinder Gottes zu ihrem unendlich guten Vater, zu seinem Sohn Jesus Christus und zum Heiligen Geist.“ Wieder geht es um Beziehung und um Gemeinschaft. Gott ist in seiner Dreifaltigkeit eine vollkommen göttliche Gemeinschaft – und wir dürfen ein Teil davon sein! Der Katechismus führt fort: „Das Leben des Gebetes besteht somit darin, dass wir immer in Gegenwart des dreimal heiligen Gottes und in Gemeinschaft mit ihm sind.“ Lasset uns beten – wir dürfen in der Gemeinschaft und Gegenwart des dreifaltigen Gottes sein!

Tipp: Lies dir den Text des Tagesgebetes schon vor der Messe einmal kurz durch, um noch mehr davon verstehen zu können! Die Texte sind zum Beispiel auf folgender Website zu finden: http://erzabtei-beuron.de/liturgie.

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